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CHRISTOPH SCHIRMER: MALERISCH-VIRTUELLE METAMORPHOSEN

von Florian Steininger, Kurator BA-CA Kunstforum, Wien, 2007

„Das Medium ist nicht die Botschaft, sondern die Form, in der die Botschaft überreicht wird.[i]“ Arthur C. Dantos Postulat entspricht sowohl einer postmodernen als auch einer klassischen medialen Kategorisierung der Kunstformen. Es setzt sich von der These des l’Art pour l’Art entschieden ab: In den radikalen Positionen der abstrakten Malerei, wie etwa in Ad Reinhardts Black Paintings mit „Endzeitstimmung“ ist das Medium mit der Botschaft deckungsgleich. Die Malerei hatte sich seit dem Beginn der Avantgarde von der Funktion als Botschafterin einer außerbildlichen Welt begonnen zu verabschieden und in ihrem Eigenbezug die Kunst als Kunst zu feiern. Nach dem Ende der Zeitrechnung der Moderne setzte wieder ein kontextuelles Verständnis in der Malerei ein, das Bezüge anderer Inhalte zuließ, sichtbar etwa in den postmodernen figurativen Malereipositionen. Jedoch waren sie alle der Malereitradition verbunden, griffen auf malerische Leistungen innerhalb des Bildgevierts vor der Avantgarde zurück, vor allem auf den figurativen Expressionismus. In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart trifft man aber häufig auf Beiträge, die Neue Medien und deren Inhalte und Motive als Referenzquelle für die Malerei implementieren. In Peter Weibels Ausstellung Pittura Immedia (1995), zum Beispiel, wurde der Focus auf das Spannungsverhältnis zwischen Malerei und den Neuen Medien gelegt. Darunter fanden sich Beispiele von David Reed, Ross Bleckner, Peter Halley oder Albert Oehlen.

Diesen Cross Over praktiziert aus der jüngeren Generation in Österreich Christoph Schirmer. Seine Gemälde sind die Botschafter der virtuellen digitalen Welt. An sich wären die digitalen Medien per se für den Künstler verfügbar; warum operiert er nicht mit und in ihnen allein, ohne das Vehikel Malerei zu bemühen? Im fortschrittlichen avantgardistischen Sinne wäre das die logische Konsequenz gewesen. Künstler machten sich die neuesten Technologien und Medien zu Nutze, oder glaubten an ihre Progressivität und neuen Möglichkeiten, wie etwa die maschinenbegeisterten Futuristen. Die Fotografie wurde zum Avantgardemedium schlechthin für das 20. Jahrhundert ausgerufen, darauf folgten Videoinstallationen und Computerprogramme.
Schirmer „switcht“ zwischen den aktuellen verfügbaren Neuen Medien und dem traditionellen Tafelbild. Den intuitiven Arbeitsvorgang und die sinnliche Materialität findet Schirmer in der Malerei vor und nicht auf den glatten Oberflächen der digitalen Welt.

Im ersten Arbeitsschritt schüttet der Künstler die Acrylfarbe auf die am Boden liegende Leinwand, wodurch abstrakte Farbzonen entstehen. Der Vorgang zeigt sich als gestisch spontan mit Zufallspotential. Diese buntfarbige Fläche bildet den Untergrund für die grafisch malerischen Motive, die zwischen Abstraktion und Figuration changieren. Ein komplexes Netzwerk, eine Collage unterschiedlicher Bildmotive und Strukturen entsteht. Zum einen resultiert sie aus Schirmers konkreter Bildvorstellung, zum andern aus dem sich fließend entwickelnden Arbeitsverlauf. An die eine Zone wird die nächste gekoppelt, die nächste wird überlagert; Freistellen, Negativformen entstehen, die den Künstler zu neuen Formenkreationen anregen. Allmählich schließt sich der Horror vacui der ursprünglichen abstrakten Farbfläche mit Figur und Form.
Christoph Schirmer verleiht dem Bild Malereicharakter, indem er die Farbe per se zur Wirkung kommen lässt. Sie dient nicht nur der Illusion von Figur und Raum sondern ist materielle Substanz auf der Bildfläche und koloristische Attraktion. Manchmal steigert der Maler diese Haptik, indem er Zonen gleich einem Relief schafft. Sie wirken wie applizierte Tools, im spacig-futuristischen Design. Genauso spacig muten die komponierten Bildräume an, die sich deutlich von konventionellen homogenen Raumdarstellungen wie Landschaft oder Interieur unterscheiden. Schirmer verschleift mehrere Bildebenen in einander, verdreht die Achse, fächert verkürzte Perspektiven und Schrägen in die Bildebene auf – ein räumliches Kaleidoskop entsteht. Ähnlich wie bei einem Vexierbild bewegen sich die einzelnen Bildebenen nach vorne und hinten. Ein klar differenziertes Figur-Grundverhältnis ist zugunsten einer komplexen Camouflage aufgehoben. Hinzu kommt das Moment des Gleichzeitigen. Anstelle einer konventionellen „impressionistischen“ Abbildung eines Moments, einer Situation, ein schillernder Sample.

Christoph Schirmer bedient sich den Darstellungsmöglichkeiten der neuen digitalen Medien. So fließen elementare Strukturen von 3D-Architekturgrafikprogrammen ein, oder die von hoch entwickelten Computerspielen. In den aktuellen Bildern finden sich grafische Umsetzungen der Vektorgrafik. Hier baut das Programm etwa eine Figur aus einzelnen Vektoren auf, die ein Skelett ohne Haut ergeben, um Formen zu bemessen. Damit gewinnt der Künstler ein zeichnerisches Gegenstück zu seinen malerisch koloristischen abstrakten Bildgründen, die sich in ihrer Transparenz mit ihnen verbinden. Ein anderes dienliches Tool ist die Zoomfunktion am Computer, die im gemalten Bild zu radikalen Maßstabssprüngen und zu einer gröberen und abstrakteren Wiedergabe des Motivs führen. Dieses Phänomen erlebt auch der Betrachter, wenn er vor dem Bild steht und in Nahdistanz die einzelnen Segmente der Malerei absucht. Er befindet sich inmitten der Bildcollage, verliert sich im Strudel der Malerei. Selbst aus der Distanz übermannt einen die Bilderflut. Die Augen wechseln hektisch den Brennpunkt. Vergleichbar ist dieses Seherlebnis mit dem vor den monumentalen Drip Paintings von Jackson Pollock; nur dass im Falle der All-Over-Bilder sich der Betrachter im abstrakten Netz des linearen Kosmos des Action Painters verstrickt.

Bei Schirmer stehen Figur und Motiv für inhaltliche Aussagen. Der Maler hat sich in der letzten Zeit intensiv mit der griechischen Mythologie auseinandergesetzt, im Speziellen mit Ovids Metamorphosen. Dem digitalen Ausdruck seiner Gemälde steht die altertümlich archaische Literatur geradezu diametral entgegen. Gemein ist das metamorphotische Vorgehen, das „Sampeln“ von unterschiedlichen Figuren und Ereignissen.
Schirmer geht es keineswegs um eine modernisierte Illustration des mythologischen Stoffs, sondern um eine freie Kreation und Interpretation von unterschiedlichen Medien, Strategien und Quellen. Als „Kind der Bildschirmgeneration“ bedient sich der Künstler den zeitgenössischen technischen Tools und Informationsträgern und schafft eine eigenständige komplexe neue Bildwelt.

[i] Arthur C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen, Frankfurt a.M., S.224, zit. nach: Pittura/Immedia: Malerei in den 1990er Jahren, Ausst. Kat. Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz, hrsg. von Peter Weibel, Klagenfurt 1995, S. 27.





CHRISTOPH SCHIRMER: PAINTERLY-VIRTUAL METAMORPHOSES

by Florian Steininger, Curator BA-CA Kunstforum, Vienna, 2007.

translated by Abigail Prohaska, Berlin, 2007.

"The medium is not the message, but the form in which the message is communicated.[i]" Arthur C. Danot's postulation applies to a categorisation of art forms that is simultaneously post-modern, yet classical in terms of communication media. It is in stark contrast to the thesis of l'art pour l'art: in radical formations of abstract painting, for instance in Ad Reinhardt's Black Paintings with their "apocalyptic mood", the medium is congruent with the message. Ever since the dawn of the avant-garde, painting had begun to separate from its function as purveyor of an extra-pictorial world and to celebrate art as art in reference to itself. After the calendar date of the modern movement had expired, a contextual understanding of painting once more gained momentum, which allowed references to other contents, visible for example in post-modern, figurative painting formations. Nevertheless, they were all linked to painting tradition; they were resourced from painting achievements within the rectangle of the picture prior to the avant-garde, above all from figurative expressionism. In the more recent past and present, one often encounters work implementing the new media and their contents and motifs as a reference source for painting. In Peter Weibel's exhibition Pittura Immedia (1995), for example, the focus was on the charged polarities between painting and the new media. Among them were works by David Reed, Ross Bleckner, Peter Halley and Albert Oehlen.

One exponent of this crossover from the younger generation in Austria is Christoph Schirmer. His paintings are harbingers of the virtual, digital world. The digital media are in any case available per se to the artist, so why doesn't he operate with and in them alone, without recourse to the vehicle of painting? This would be the logical consequence in terms of the progressive avant-garde. Artists exploited the latest technologies and media, or believed in their progressive quality and new possibilities, like the futurists with their enthrallment with the machine. The medium of photography was hailed as the quintessence of twentieth-century avant garde, subsequently followed by video installations and computer programs.
Schirmer switches between the currently available new media and the traditional panel painting. He finds the intuitive work process and sensuousness of material in painting, and not on the smooth, flat interfaces of the digital world. 

The first work step consists of the artist spilling acrylic paint onto the canvas lying on the floor, creating abstract colour zones. The process is manifest as spontaneous gesture loaded with aleatory potential. This polychrome surface forms the ground for the graphic, painterly motifs, which are shot through with iridescent alternations between abstraction and figuration. A complex network, a collage of various images and structures emerges. This is firstly a result of Schirmer's concrete idea of the picture, and secondly of the fluently evolving work process. The next one is coupled onto one of the zones, the next is layered over; free spaces, negative forms emerge, which inspire the artist to new form creations. Gradually the horror vacui of the original colour space encloses itself with figure and form.
Christoph Schirmer lends the picture a painterly character by allowing the colour to work on its own. It serves not only the illusion of figure and space, but is both material substance on the picture surface and colouristic attraction. Sometimes the painter intensifies the haptics by creating zones like a relief. They function like applied tools in the futuristic, space-age design. The composed picture areas also evoke a space-age vision, noticeably different from conventional and homogeneous spatial renderings such as landscapes or interiors. Schirmer slurs several picture layers into one another, twists axes, fans out shortened perspectives and oblique lines into the picture plane – producing a spatial kaleidoscope. Like a picture puzzle, the individual picture levels move forward and back. A clearly differentiated figure-ground relationship is put aside in favour of a complex camouflage. Added to this is the moment of contemporaneity. Instead of a conventional "impressionistic" reproduction of a moment, of a situation, a scintillating sample.

Christoph Schirmer uses the representational potential of the new digital media. Thus there is the influence of elemental structures from 3D architectural programs, or from highly developed computer games. The latest pictures contain visual transpositions from vector graphics. In this, the program for instance builds a figure out of individual vectors, which form a skeleton without skin in order to measure forms. In this way the artists gains a graphic counterpole to his abstract pictorial grounds – based on a painterly approach to colour – which combine with them in their transparency. Another useful tool is the computer's zoom feature, which leads in the painted picture to radical leaps in scale and to a rougher and more abstract rendering of the motifs. The viewer, too, experiences this phenomenon if he or she stands in front of the picture and traces the individual segments of the painting close up. He finds himself in the middle of the pictorial collage, loses himself in the vortex of painting. Even from a distance you are overwhelmed by the flood of images. The eyes constantly have to adapt focus. This visual experience is comparable to Jackson Pollock's monumental Drip Paintings; only that in the case of the all-over pictures the viewer is entangled in the abstract net of the action painter's linear cosmos.

For Schirmer, figure and motif stand for conceptual statements. The painter has recently engaged in an intensive study of Greek mythology, especially Ovid's Metamorphoses. The ancient, archaic literature is more or less diametrically opposed to the digital expression of his paintings.What they have in common is the metamorphotic procedure, the "sampling" of various figures and events.
Schirmer is in no way concerned with a modernised illustration of mythological material; what matters for him is a free creation and interpretation of various media, strategies and sources. As a "child of the screen generation", the artist makes use of contemporary technical tools and information carriers, creating an individual and complex, new world of images.


[i] Arthur C. Danto, Die Verklärung des Gewöhnlichen, Frankfurt a.M., p.224, cit.: Pittura/Immedia: Malerei in den 1990er Jahren, ex. cat. Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum Graz, ed. Peter Weibel, Klagenfurt 1995, p. 27.