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SARAH MCGINITY  »SULLEN TEENS«

Sarah McGinity (*1974) ist gebürtige Australierin und lebt und arbeitet in London. Zunächst studierte sie Kunstgeschichte an der University of Melbourne und absolvierte danach ein Kunststudium an der City & Guilds of London Art School, das sie 2004 mit Auszeichnung abschloss. Das Werk von Sarah McGinity wurde bisher in Australien und London ausgestellt. Mit Sullen Teens präsentiert die Galerie Bugdahn und Kaimer die Künstlerin erstmals im deutschsprachigen Raum mit einer Ausstellung neuer Arbeiten.

Gezeigt werden acht hochformatige Bildnisse (150 x 120 cm) in der Technik Öl auf Leinwand, die in Überlebensgröße die Gesichter von jungen Frauen bzw. weiblichen Teenagern darstellen und von suggestiver, eindrucksvoller Wirkung sind. Meist im Dreiviertelprofil, selten in der En face-Ansicht, die Konturen intarsienhaft von dem schwarzen Hintergrund umschlossen, schauen die Köpfe mit einem beunruhigenden, eigenartig faszinierenden Blick zu ihrem virtuellen Gegenüber oder schräg an ihm vorbei. Der Duktus der lockeren und gleichmäßigen, handwerklich virtuosen Malweise bezeugt deutlich die Existenz einer künstlerischen Autorenschaft. Während die Gesichter sehr ausdifferenziert und plastisch behandelt wurden, wirkt der Pinselstrich bei den Haaren und insbesondere der Kleidung eher skizzenhaft und zeichnerisch, gewährt Einblicke in den Aufbau des malerischen Prozesses. Die Haut erscheint durch die harten Licht-Schatten-Kontraste und die starken Lichtreflexe auf den Gesichtspartien wie eine perfekte, undurchlässige Oberfläche und lässt eher an Puppen oder geklonte Wesen als an ein menschliches Gegenüber denken. Diese Eindrücke haben einen adäquaten Hintergrund: Sarah McGinitys Sullen Teens sind keine Porträts von tatsächlich existierenden Personen und wurden daher nicht nach dem Modell gemalt. Vielmehr handelt es sich um Bildnisse oder imaginäre Porträts, die die Künstlerin durch Synthese von Gedächtnismaterial, Fotografien und Erfindung schafft. Ausgangspunkt ist dabei das abstrakte Konzept bestimmter Typen, die in der Bildfindung ihre Inkarnation erreichen.

Insofern das Bildnis eng mit dem Porträt verwandt ist, bietet sich eine grundsätzliche Betrachtung  dieser Bildgattung an. Schon immer kam ihr in der Geschichte der Malerei eine besondere Rolle zu. Das Porträt diente ursprünglich dazu, die Abgebildeten durch Kleidung, Gestik, Mimik, Haltung und innenarchitektonische Gestaltung in vorteilhafter oder besonders treffender Weise darzustellen. Zu einer ersten Krise der Porträtmalerei kam es in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Verbreitung der Porträtfotografie; und gerade dadurch erst konnte sie sich zu einer autonomen, nach genuin künstlerischen Fragestellungen vorgehenden und nicht an den Auftraggeber gebundenen Disziplin entwickeln. Deren neues Ziel war die Sichtbarmachung des Wesentlichen einer Person auf der einen und die Schaffung von Typen auf der anderen Seite. Gerade in jüngster Zeit wird zur Bewältigung der Porträtfrage wieder verstärkt die (teilweise digital manipulierte) Fotografie herangezogen.

Sarah McGinity entscheidet sich bewusst gegen die Fotografie, weil mit der Malerei für sie die Erforschung der Vorstellung von Authentizität verbunden ist. Gleichzeitig reizt sie deren antagonistische Relation zum Element der Artifizialität, der man in ihren Arbeiten gewahr wird: Neben der erwähnten Gestaltung des Inkarnats fallen einzelne Züge wie der Schnitt von Augen und Mund, die charakteristische markante Nase sowie die Art des Blickes auf, die sich in den verschiedenen Gesichtern zu wiederholen scheinen. Die Bildnisse lassen sich als Varianten eines Archetypus wahrnehmen. Entsprechend werden weitere Daten, die Auskunft über Schicht, Umfeld, Charakter, Beruf, affektive Aspekte der “Personen” geben könnten, verweigert bzw. tauchen als Kürzel auf: die Kleidung ist nur angedeutet, der Bildraum bleibt verborgen, gezielt auch die Konzentration auf den Kopf statt auf die Gesamtfigur. Die erwartete psychologische Analyse weicht der distanzierten Inszenierung des seriellen Gesichts, der einen Pose, die der Werkgruppe ihren geschlossenen Charakter verleiht: Langeweile und Gleichgültigkeit (sullen = träge, mürrisch) als Grundbefindlichkeiten der heutigen Teenagergeneration. Der Baudelairesche ennui findet seinen fernen Reflex in diesen zeitgenössisch kühlen Gemälden, die für einen kurzen Augenblick an ihre altmeisterlichen, sinnlichen Pendants vergangener Zeiten erinnern. Indem die Künstlerin vom Individuum abstrahiert, erfasst sie gleichzeitig seismographisch einen Ausschnitt unserer gesellschaftlichen Realität. Vielleicht repräsentieren die weiblichen Teenager, träge vor sich hinbrütend oder in Tagträumen verhaftet, manchmal mit einer geheimen Obsession in den Augen, ein zukünftiges historisches Dokument des beginnenden 21. Jahrhunderts. Die fühlbare Leerstelle und offene Konzipierung der Arbeiten ist auch ein Ansatzpunkt für den Betrachter, sich mit diesen Bildnissen an der Schnittstelle zwischem dem Widerspenstigen und dem Schönen auseinander zu setzen.

Gabriele Wurzel

 

Vernissage Freitag, 21. Oktober 2005, von 19 – 21 Uhr. Ausstellungsdauer bis 3. Dezember 2005

Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 13 – 19 Uhr, Samstag 12 – 16 Uhr, und nach Vereinbarung





SARAH MCGINITY  »SULLEN TEENS«

Sarah McGinity (*1974) is Australian by birth and lives and works in London. She began her university career studying art history at the University of Melbourne, followed by an MA painting course at the City & Guilds of London Art School, where she graduated with distinction in 2004. To date, Sarah McGinity’s work has been shown in Australia and London. With Sullen Teens, Galerie Bugdahn und Kaimer presents the artist for the first time in a German-speaking country, with an exhibition of new works.

The show consists of eight tall-format (150 x 120 cm) heads painted in oil on canvas and representing the faces of young women or rather, female teenagers, larger-than-life and of suggestive, impressive effect. Most are shown in three-quarter profile, more rarely full-face; the contours are surrounded like inlay-work by the black background and the heads peer out at or obliquely past their would-be interlocutor with a disquieting, oddly captivating glance. The touch expressed in the loose and even, virtuoso handling of the paint is eloquent of the existence of an artistic authorship. Whereas the faces have been elaborated and modelled to a high degree, the brush stroke in the hair and especially the subjects’ clothing is summary and sketch-like by comparison and lends an insight into the painterly procedure. The abrupt contrasts of light and shade and the intense reflections of light on areas of the face let the skin appear like a perfect, impermeable surface more apt to recall a doll or a cloned creature than a human vis-à-vis. These impressions have their fitting background.- McGinity’s Sullen Teens are not portraits of real, existing people, they have not been painted from life. It is type images – imaginary portraits that the artist creates, by means of a synthesis from the stock of memory, photographs and invention. The point of departure for it all being the abstract concept of certain types which become incarnate in the image found for them.

The close affinity of the type image to the individual portrait justifies a fundamental consideration of the latter genre. It has occupied a special place throughout the history of painting. Originally the portrait served the purpose of showing the subject in a favourable or a particularly apposite way, by the choice of clothing, gesture, facial expression, stance or attributes in the surroundings, including the architecture. Portraiture passed through a first crisis in the second half of the nineteenth century with the spread of portrait photography; but it was that phenomenon that enabled the development of portraiture into an autonomous discipline that proceeded according to inherently artistic enquiry rather than the wishes of the patron. The new aim was to make visible a sitter’s essence on the one hand, and on the other, to create types. Just recently in particular, artists have once again turned more intensely to photography – occasionally, in digitally manipulated form - as a means to take on the fundamental questions posed by portraiture.

Sarah McGinity has wittingly not taken this option, because for her, painting is associated with an exploration of the notion of authenticity. At the same time she is attracted by the antagonism of that notion to the element of artificiality that one cannot help but perceive in her works. Beside McGinity’s handling of the facial tones as mentioned above, individual traits such as the shape of eyes and mouth, the characteristically striking nose and the manner of the subject’s gaze are conspicuous; these seem to recur in the various faces. The images can be perceived as variants of one archetype. It is consistent that further data that might betray the social class, milieu, personality, occupation or the emotional aspects of these ‘individuals’ are either withheld or if apparent, then only in a kind of shorthand.- Clothing is merely suggested, there is no indication of the sitter’s (i.e. pictorial) space, the concentration on the head rather than the overall figure is deliberate. Anticipated psychological analysis cedes to the detached stage-production of the serial face, of the one pose that lends the whole cycle of works its self-containment. Boredom and indifference are pinpointed as fundamental states in today’s generation of teenagers. Baudelairean ennui is distantly echoed in these paintings with their topical detachment and momentary remembrance of their sensual counterparts in the Old Masters of past eras. By abstracting from the individual, the artist at the same time takes a seismographic section through our social reality. Perhaps the female teenagers indolent in their brooding or absorbed in their daydreams, sometimes with a secret obsession in their eyes, represent a future historical testimony of the early twenty-first century. The tangible gap and the open conception of these works also present the beholder with a starting-point for a questioning contemplation of these representations at the interface between the contumacious and the beautiful.

Gabriele Wurzel

 

The Private View is on Friday, October 21, 2005, 7 pm – 9 pm. Exhibition to December 3, 2005.

The Gallery is open Tuesday – Friday 1 pm – 7 pm, Saturday 12 noon – 4 pm; and by appointment.
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