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DIETMAR SCHNEIDER “PORTRAITS FROM THE ART WORLD”

Dietmar Schneider (*1939) lebt und arbeitet in Köln. Seit 1966 organisiert der „Quereinsteiger“, der seine berufliche Laufbahn mit einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann startete, erfolgreich Ausstellungen; ab 1979 gibt er die vierteljährlich erscheinenden Kölner Skizzen heraus. Darüber hinaus initiierte er u.a. erfolgreich den „Kunstpreis Glockengasse“ sowie den „Toyota-Fotokunstpreis“. Seine photographische Tätigkeit, zunächst als Amateur begonnen, mündet 1980 in der Mitgliedschaft bei der DGPh. Schneider versteht seine Schwarzweiß-Photos, die er grundsätzlich ohne Blitzlicht macht, anfangs als beiläufige Momentaufnahmen für dokumentarische Zwecke. Inzwischen umfasst sein Archiv ca. 90.000 Photographien, und es hat sich zu einer beredten Chronik von unschätzbarem Wert über 30 Jahre internationale wie regionale Kunstszene und Kunstgeschichte entwickelt. Im Mittelpunkt stehen die Kunst(werke) ebenso wie ihre Protagonisten – Sammler, Künstler, Ausstellungsmacher, Galeristen, Vernissagebesucher. Aus dieser umfangreichen Sammlung zeigt die Galerie Bugdahn und Kaimer eine Auswahl von ca. 35 Gelatine-Silver-Prints im Format 40 x 30 cm mit einer Auflage von jeweils 9 Exemplaren.

Durch seine über Jahre aufgebauten und kontinuierlich gepflegten Kontakte bewegt sich Dietmar Schneider auf der „Bühne der Kunstwelt“ sicher und quasi unsichtbar zugleich. Vielfach haben sich Freundschaften entwickelt, die erst die Nähe und Vertrautheit ermöglichten, aus der heraus Portraits von großer Authentizität, Genauigkeit und Unmittelbarkeit entstanden sind. Die Entspanntheit der Gesichter und die Selbstverständlichkeit der Körperhaltungen legen Zeugnis davon ab. Bei aller Privatheit, die aus seinen Aufnahmen spricht, bleibt er stets diskret und wahrt eine respektvolle Distanz. Ebenso wie es Hauptdarsteller gibt, die ihre exponierte Stellung im Rampenlicht genießen (wie etwa der in lässiger Körperlichkeit posierende Jannis Kounellis, der agitierend-provozierende Jörg Immendorff oder der grandseigneurhafte James Lee Byars), wird Schneider auch den introvertierten, scheuen Persönlichkeiten gerecht – mit einer Photographie von Sigmar Polke vor einer Leinwand, vom Betrachter abgewandt, oder von Tony Cragg, ganz im Hintergrund einer Aufbausituation, das Gesicht im Halbschatten. Schneider hat viele Aufnahmen spontan, im „richtigen“ Moment gemacht, so, wie er die Situation vorfand; manches wurde von ihm auch bewusst inszeniert - wie das Bild von Meret Oppenheim mit seiner ungewöhnlichen Perspektive. Trotzdem geschieht auch dies mit leichter Hand, man hat nie den Eindruck von komplizierten, prätentiösen Arrangements. Der Bildaufbau und seine kompositionellen Lineaturen sind perfekt und stimmig in Beziehung zur Figur gesetzt. Atmosphärisch aufgeladen wirken vor allem jene Photos mit zwei oder mehreren Personen im Dialog: Wenn Heerich und Schwegler zusammen debattieren, Palermo und Knoebel einander gegenüber stehen oder Heerich, Beuys, Stüttgen und Schmela vom Aufbau einer Ausstellung vollkommen absorbiert werden. Der Betrachter bekommt hier einen Einblick, der ihm sonst verwehrt bliebe – in den „inneren Maschinenraum“ des Kunstapparats. Das Faszinierende an Schneiders Archiv liegt nicht zuletzt darin begründet, dass man mit neugieriger Spannung erwartet, jederzeit etwas zu entdecken, was man bisher noch nicht wusste. Hinter dem Interesse am „Wesen“ der Portraitierten verbirgt sich auch der in unserer Gesellschaft gängige Topos vom Künstler als idealisierter Projektionsfläche für jene andere, besondere Art von Mensch, der das „richtige“, d.h. intensivere, erfülltere und aufregendere Leben führt. Dass auf der anderen Seite KünstlerInnen sich häufig tatsächlich dementsprechend inszenieren, erscheint wie der logische Schatten dieses Phantasmas. Die Portraits from the Art World belegen diese These und widersprechen ihr zugleich. Neben den erwarteten Paradiesvögeln werden viele unspektakuläre, stille Situationen sensibel und berührend dokumentiert. Eine grundsätzliche, ihm Tiefenschärfe verleihende Encadrage erfährt Schneiders Œuvre, indem es im Hintergrund die stillschweigend vorausgesetzte Übereinstimmung zwischen der Persönlichkeit des Künstlers und seinem Werk anspricht – und damit verbunden die Frage nach der Berechtigung dieser Analogie aufwirft. Das Publikum verlangt nach Informationen über den Urheber, den es als Schlüssel oder auratischen Garanten für seine Rezeption wahrnimmt, und die Photographien in der Ausstellung legen eine verführerische Fährte für seine Recherche.

Roland Barthes spricht in Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photographie vom Ausdruck als wichtigem Aspekt einer Photographie, der das Wiedererkennen einer Person zum Wiederfinden steigert: Der Ausdruck eines Gesichts lässt sich nicht zerlegen [...] der Ausdruck ist dieses Unerhörte, das vom Körper zur Seele führt [...] der Ausdruck bringt das Subjekt zum Vorschein [,,,] So ist denn der Ausdruck der leuchtende Schatten, der den Körper begleitet; und wenn es einem Photo nicht gelingt, diesen Ausdruck zu zeigen, dann bleibt der Körper schattenlos, und ist dieser Schatten einmal abgetrennt [...], dann bleibt nichts als ein steriler Körper zurück. Durch diese feine Nabelschnur stiftet der Photograph Leben; und versteht er es nicht [...], so bleibt das Subjekt für immer tot.“ Die zu den stärksten Arbeiten dieser Ausstellung zählenden Aufnahmen von Mario Merz und einem unbehüteten Joseph Beuys lassen erahnen, worauf Barthes mit diesen Gedanken hinaus wollte.

Gabriele Wurzel

Vernissage Freitag, 1. September 2006, von 18 – 22 Uhr. Ausstellungsdauer bis 14. Oktober 2006
Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 13 – 19 Uhr, Samstag 12 – 16 Uhr, und nach Vereinbarung

Literaturhinweis: Roland Barthes, Die helle Kammer, Bemerkungen zur Photographie, Übersetzung: Dietrich Leube, Frankfurt am Main 1985, S. 118-121; Originalfassung: La chambre claire, Note sur la photographie, Paris 1980



DIETMAR SCHNEIDER “PORTRAITS FROM THE ART WORLD”

Dietmar Schneider (born 1939) lives and works in Cologne. Since 1966 the “career hopper”, who started his professional life by training as an insurance salesman, has successfully organized exhibitions, and since 1979 he has published the quarterly magazine “Kölner Skizzen” (Cologne Sketches). In addition, amongst other things he initiated successfully the “Kunstpreis Glockengasse” (an art prize) and the “Toyota-Fotokunstpreis” (an art photography prize). His photographic activities, which he had begun as an amateur, culminated in membership of the “DGPh” (the German Photographic Association). Initially Schneider understood his black and white photos, which as a rule are taken without a flash, as fleeting snapshots for the purpose of documentation. Meanwhile his archive, comprising of some 90,000 photographs, has developed over 30 years into a significant and priceless chronicle of the international as much as the regional art scene and of art history. Central to the archive is the art(work) along with its protagonists - collectors, artists, curators, gallerists and private-view visitors. From this extensive collection Galerie Bugdahn und Kaimer is showing a selection of about 35 gelatine-silver prints in the format of 30 x 40 cm (13 x 19 inches) with an edition of 9 for each print.

Through his contacts, which he has built up and maintained over the years, Dietmar Schneider moves round the art-world stage confidently but at the same time virtually invisibly. In many cases friendships have developed, enabling an intimacy in which portraits of great authenticity, accuracy and immediacy have been created. The relaxed faces and the naturalness of the body language are witness to this. However, with all this privacy, which can be seen in his images, he always remains discreet and keeps a respectful distance. Likewise there are subjects who enjoy their exposure in the limelight (for example the nonchalantly posed Jannis Kounellis, the agitated-provocative Jörg Immendorf or the grand gentleman James Lee Byars), and those shy, introverted personalities Schneider also does justice to – a photograph of Sigmar Polke in front of a canvas, turning away from the viewer, or one of Tony Cragg in the very background of an installing situation, his face in half-shadow. Schneider has taken a lot of photos spontaneously, clicking at the “right” moment, documenting a situation he has come upon, but some settings were also consciously arranged by him – such as the picture of Meret Oppenheim with its unusual perspective. However, this is also done with a light touch, you never get the impression of complicated or pretentious compositions. Pictorial structures and compositional lines relate to the figure perfectly and coherently. Particularly those photos with two or more people in dialogue appear atmospherically loaded: When Heerich and Schwegler are involved in a discussion, Palermo and Knoebel face each other or Heerich, Beuys, Stüttgen and Schmela are completely engrossed in installing an exhibition. The viewer gets an insight into something, which would otherwise remain inaccessible – the “inner machine room” of the art apparatus. Not least, what is fascinating about Schneider’s archive is that with curiosity and interest you expect to discover something new at any moment. Behind the interest in the nature of those portrayed is hidden our society’s popular stereotype of the artist as an idealized blank screen onto which can be projected this special type of person who leads the “right” kind of life, which is both fulfilling and exciting. The fact that artists, on the other hand, portrait themselves accordingly, appears to be the logical consequence of this fantasy. The exhibition “Portraits from the Art World” confirms this thesis and contradicts it at the same time. Alongside the expected peacocks are many unspectacular, quiet situations, sensitively and movingly documented. Schneider’s Oeuvre attains a fundamental depth by suggesting an implicit correspondence between the personality of the artist and his work and thereby questioning whether such an analogy is legitimate. The public demands information about the author who it perceives as the key to, or auratic guarantee of its reception of the work, and the photographs in the exhibition lay a seductive trail for their enquiry.

In Camera Lucida - Reflections on Photography Roland Barthes talks of the air (the expression, the look) as an important aspect of a kind of photography, in which recognition of a person leads to rediscovery: “The air of a face is unanalyzable ... the air is that exorbitant thing which induces from body to soul ... the air expresses the subject ...Thus the air is the luminous shadow which accompanies the body; and if the photograph fails to show this air, then the body moves without a shadow, and once this shadow is severed ... there remains no more than a sterile body. It is by this tenuous umbilical cord that the photographer gives life; if he cannot ... the subject dies forever.”1 Photographs of Mario Merz and a hatless Joseph Beuys, which count among the strongest in this exhibition, anticipate what Barthes is driving at in these thoughts.

Gabriele Wurzel


The Private View is on Friday, September 1, 2006, 6 – 10 pm. Exhibition continues until 14 October 2006

The Gallery is open Tuesday – Friday 1 pm – 7 pm, Saturday 12 noon – 4 pm; and by appointment



1Literary reference: Roland Barthes, Camera Lucida - Reflections on Photography, translation by Richard Howard, Vintage edition, London, 1993, p. 107-110