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BEVERLY SEMMES  »ICE QUEEN«

Beverly Semmes (*1958) lebt und arbeitet in New York. Ihr Werk wurde in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland gezeigt (Untragbar, Mode als Skulptur, Museum für Angewandte Kunst, Köln, 2001; La Flor del Paraiso, Kunsthallen Brandts Klædefabrik, Odense, 2004; Mé-TISSAGES, Biennale rond kunst en textiel, MIAT, Gent, 2005 sowie Inneres Leuchten – Farbe als Material, Kunsthalle Lingen, 2005). Nach Recent Sculpture (1996), Recent Photographs + Video (1999) und Sea Green Petunia (2002) zeigt die Galerie Bugdahn und Kaimer mit Ice Queen einen Querschnitt durch das bisherige Werk mit den Medien Video, Skulptur und Graphik. Erstmals präsentiert werden das titelgebende Video und ein neuer Small Purple Dress.

Bekannt wurde die Künstlerin vor allem durch ihre unverwechselbaren textilen Skulpturen aus Organza, Samt, Tüll, Chiffon, Lamé, Mohair, Flanell und Kaschmir in Rot, Pink, Orange, Gelb und Silber. Deutlich wird das Spiel mit dem Kontrast zwischen transparenten und opaken, leichten und schweren, glänzenden und matten Geweben. Zunächst erschließen sich die an der Wand im Schulterbereich angebrachten Skulpturen als Kleider mit gegenständlicher Form und Funktion. Doch schon bald erkennt der Betrachter, dass diese “Gewänder” zu groß und zu lang sind, um von jemandem getragen zu werden; endlose Ärmel ringeln sich auf dem Boden und verschwenderische “Stofflandschaften” überfluten den Ausstellungsraum. Trotz ihrer Exzentrik und sinnlichen Opulenz sind die Arbeiten formal pointiert gesetzt; dies lässt die abstrakte Komponente erahnen, ein System symbolischer Ebenen, in dem die eine metonymisch auf die nächste verweist. Beverly Semmes erkundet mit ihren Werken die Parameter des Raumes, sie lotet die Konstruktion und Dekonstruktion von Identität ebenso aus wie die Spannung zwischen An- und Abwesenheit des Körpers und zwischen Natur und Kunst. Schlaglichtartig reflektiert sie die Funktion der Mode als Spiegel der Entwürfe von Weiblichkeit und Schönheit, oft als unerreichbares Begehren in der Schwebe gehalten.

In diesem Jahr hat die Künstlerin erstmals Lithographien (Auflage: 33 Ex.) geschaffen: Hole (4-teilig, 240 x 160 cm), Dot (3-teilig, 240 x 80 cm) und Pot (120 x 80 cm). Mit ihrem ausladenden Format und der leuchtenden Farbigkeit wirken sie wie zweidimensionale Geschwister der Stoffskulpturen, von denen zwei Beispiele in der Ausstellung zu sehen sind: Small Purple Dress (2005 ) aus blauviolettem Samt mit rotem Blumenmuster und Pink Pot and Blue Dress (2001) aus gemusterter blauer, changierender Seide mit Ärmeln aus Samt und einem skurrilen, in Aufbautechnik getöpfertem Keramikgefäß in mattem Neonpink. Der Purple Dress hat eine überschaubare Größe, ist kostbares Objekt und Bild zugleich. Durch seine schlanke und hoch aufragende Silhouette betont der 245 cm lange Blue Dress die vertikale Ausrichtung des Raumes, während der auf den Boden aufstoßende Stoff im Gegensatz zu anderen Arbeiten einen ebenen, geometrisch präzisen Kreis beschreibt und statt der Ausdehnung eine Verdichtung und Verortung auf der horizontalen Ebene signalisiert. Der Pink Pot doppelt diese Standortbestimmung und ist wie ein Komplize der Füße in den beiden Videos Kick und Swing. Während der Körper in toto im Werk von Semmes verborgen bleibt, verhüllt wird bzw. leere, ungetragene Kleider hinterlässt, ist das Auftauchen der Füße seine metonymische Repräsentation; sie demonstrieren ein handelndes Ich, das durch Bewegung und Richtung spricht.

In den 60-minütigen Videoloops Swing (2004) und Kick (2005) erlebt der Betrachter den materiellen und abstrakten Kontrast zwischen flüssig und gefroren: Swing zeigt Landschaft als komponiertes, repetitives Pattern aus Sand-, Wasser- und Himmelsfläche, das mit meditativem und gleitendem Rhythmus abläuft. Im Zentrum jeder Einstellung sichtbar sind ein Paar mit buntem Pflaster überklebter Füße, die durch das Schaukeln der Protagonistin ihren Umraum ständig wechseln; die Bewegung funktioniert hier wie ein Auge und bestimmt den Bildausschnitt. Kick arbeitet mit unregelmäßigen, ruckartigen Bewegungen und dem auditiven Echo dieses “Eingefrorenseins”: Auf einer Eisfläche bewegen sich knirschend zwei Füße, die immer wieder die pink bemalten Kartoffeln anstoßen und so das kontrastreiche Tableau aus Farbtupfen fortlaufend verändern. Das visuelle Pendant zum akustischen Eisknirschen stellt ein mundgeblasener Pot aus Glas dar, dessen kristalline Härte mit der Weichheit der Stoffe kontrastiert und gleichzeitig Immaterialität, Transparenz und Reinheit verkörpert.

Wer die Märchen von Hans Christian Andersen kennt, weiß von Eisköniginnen und Meerjungfrauen, die anziehend, aber auch unerreichbar sind. Mit dem Reich der “Ice Queen” betritt der Besucher eine verwandte traumartige, imaginäre Szenerie. An der Decke installierte Crows aus bemaltem Plastik verweisen einmal mehr darauf, dass hier eine Welt nach ihren eigenen Gesetzen funktioniert. Sie ist Ausdruck weiblicher Identität, immer auch des Unsagbaren und schwer Fassbaren; beides leuchtet in den Werken von Beverly Semmes blitzartig als Bild auf.

Gabriele Wurzel

 

Vernissage Samstag, 10. Dezember 2005, von 16 – 19 Uhr. Ausstellungsdauer bis 29. Januar 2006

Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag 13 – 19 Uhr, Samstag 12 – 16 Uhr, und nach Vereinbarung





BEVERLY SEMMES  »ICE QUEEN«

Beverly Semmes (*1958) lives and works in New York. Her work has been featured in no few group and solo exhibitions both in the United States and abroad (Untragbar, Mode als Skulptur, Museum für Angewandte Kunst, Cologne, 2001; La Flor del Paraiso, Kunsthallen Brandts Klædefabrik, Odense, 2004; Mé-TISSAGES, Biennale rond kunst en textiel, MIAT, Ghent, 2005 and Inneres Leuchten – Farbe als Material, Kunsthalle Lingen, 2005). At Galerie Bugdahn und Kaimer, Recent Sculpture (1996), Recent Photographs + Video (1999) and Sea Green Petunia (2002) are now to be followed, in Ice Queen, by a cross-section of an oeuvre which ranges to date over the media of video, sculpture and printmaking and drawing. For the video of the exhibition title and a new Small Purple Dress, this will be the first showing.

Beverly Semmes’ reputation has been established above all by her unmistakable textile sculptures – made of organza, velvet, tulle, chiffon, lamé, mohair, flannel and cashmere, in red, pink, orange, yellow and silver. The play with the contrasts between the translucent and the opaque, with light and heavy, glossy and matt fabric, features large. The sculptures, fastened to the wall at the shoulder area, are initially perceived as clothes, recognisable objects with recognisable functions. Only too soon it becomes plain that these ‘gowns’ are too large and too long ever to be worn. Never-ending sleeves curl about the floor and lavish ‘cloth landscapes’ flood the exhibition space. For all their eccentricity and sensual opulence, the works are mounted strategically to bring out their formal, abstract elements. One senses and discovers a system of symbolical planes, one a metonymic pointer to the next. With her pieces the artist explores the parameters of the space, sounding out both constructions and deconstructions of identity and likewise the tension between presence or absence of the body between nature and art. Semmes’ reflections are spotlights on the function of fashion as a mirror of the notions and projections of femininity and beauty, often held in suspension as an unattainable desire.

This year Semmes has produced her first lithographs, in a print-run of thirty-three. They are the four-part Hole (240 x 160 cm), Dot (three parts, 240 x 80 cm) and Pot (120 x 80 cm). With their expansive format and glowing colours, they seem like two-dimensional siblings of the cloth sculptures of which two instances can also be seen in the show: Small Purple Dress (2005), of violet-blue velvet with a red flower pattern, and Pink Pot and Blue Dress of 2001, of patterned blue iridescent silk with sleeves of velvet and a quirky coil-built pottery vessel in matt neon pink. The Purple Dress is of a likely scale and is both a precious object and a picture. In its slender silhouette rising high over the viewer, the 245-cm-long Blue Dress emphasises the verticality of the space, while, where the material meets the ground, in contrast to other pieces, it describes an even, geometrically precise circle and, rather than expansion, suggests concretion and localisation on the horizontal plane. The Pink Pot doubles on this act of location and is like an accomplice to the feet in the two videos, Kick and Swing. The body is never revealed overall in Semmes’ work, but is concealed or leaves vacant, unworn clothes behind as its mark, but the appearance of feet on the scene are the body’s metonymic representation. They demonstrate an operating self, articulate through movement and direction.

In the sixty-minute video loops, Swing (2004) and Kick (2005), the viewer experiences the material and abstract contrast between fluid and frozen. Swing shows landscape as a composed, repetitive pattern of areas of sand, water and sky, proceeding in a smooth meditative rhythm. At the centre of every shot a pair of feet is visible, pasted over with brightly coloured plasters and changing their surroundings constantly with their owner’s swinging them to and fro. Here motion functions like an eye, it determines where the picture frame falls. Kick operates with irregular, jerky movements and the aural echo of this ‘frozen state’. – Two feet move with a creaking sound on a surface of ice, butting continually into potatoes painted pink and so forever changing the contrasting tableau of dabs of colour. The visual counterpart to the acoustic grinding of the ice is represented in a mouth-blown glass Pot whose crystalline hardness contrasts with the softness of the cloths and simultaneously embodies the ethereal, transparent and pure.

Those familiar with the tales of Hans Christian Andersen know about ice queens and mermaids who are attractive but at the same time unattainable. Entering the Ice Queen’s realm, the visitor crosses the threshold into a related, dream-like, imaginary scene. Crows of painted plastic, installed under the ceiling, are a further indication that this is a world that operates according to its own laws. It is an expression of female identity and always also of the unutterable and elusive of grasp. In Beverly Semmes’ works, both aspects flash into visibility as a picture.

Gabriele Wurzel

 

The Private View is on Saturday, December 10, 2005, 4 pm – 7 pm. Exhibition to January 29, 2006

The Gallery is open Tuesday – Friday 1 pm – 7 pm, Saturday 12 noon – 4 pm; and by appointment
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